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Was man tun kann

Was man lassen sollte

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In meinem Buch Selbstverletzung. Symptome, Ursachen, Behandlung habe ich in einem Kapitel einen Forderungskatalog von Betroffenen aufgelistet. Dieser ist sehr umfangreich, aber auch sehr hilfreich, da er sich an Familienangehörige, Freunde, Partner und die verschiedenen ‚Helfer’ wendet und in einigen Punkten Überraschung und Verwunderung auslöst, weil man als ‚Umfeld’ vielleicht dachte, dass gerade diese Reaktion ‚falsch’ wäre.

Ich werde diese einzelnen Punkte hier nicht auflisten, sondern eher ein paar allgemeine Handlungsleitlinien nennen.

Im voraus möchte ich einen sehr wichtigen Punkt im Umgang mit SVV nennen: Dieses Verhalten ist oft schwer zu verstehen und auszuhalten und es kostet eine enorme Kraft, der Person, die sich selbst verletzt, zu helfen bzw. sie auf ihrem Weg der Heilung zu begleiten. Alle, die dies tun möchten, sollten vor allem auch ihre eigenen Kräfte und Ressourcen im Auge behalten. Dabei ist es sehr hilfreich und entlastend, sich selbst auch Unterstützung zu suchen. Sie brauchen auch einen Ort, an dem sie Ihre Wut rauslassen oder Energien neu auftanken können. Das kann eine andere Person sein, mit der Sie sich austauschen können oder eine Selbsthilfegruppe oder...

Wichtig ist auch das ‚wahre’ Verhalten, d.h. Sie als Helfer haben Grenzen und auch das Recht, diese zum Ausdruck zu bringen, genauso wie die bei Ihnen ausgelösten Gefühle – d.h. auch gegenüber der Betroffenen selbst. Offen sein ist das Gebot, die Betroffenen merken die Verstellung sowieso.

Was man tun kann

Als wahrscheinlich größte Hilfe oder Voraussetzung, um adäquat helfen zu können (wobei das mit dem Helfen nicht unbedingt der Anspruch sein muss, aber durch angemessene Reaktionen hilft man sicherlich schon), denke ich ist das Verstehen oder zumindest das Bemühen, die (für einen selbst vielleicht völlig unverständliche) Handlung zu verstehen. Das heißt sich auch mit den möglichen Ursachen auseinander zusetzen, was für viele Nicht-Betroffene auch schon sehr schwierig sein kann, weil die Erfahrungen, die die Betroffene gemacht hat, einfach sehr heftig sein können. Das ist oft schwer auszuhalten und dieser Grad hängt sicher noch ganz eng mit der Beziehung zur Betroffenen und der evtl. eigenen ‚Verwicklung’ in diese Erfahrung zusammen, ob nun als ‚Selbst-Betroffener’ oder als Mitakteur an der Erfahrung.

Je nachdem, in welcher Beziehung man sich nun zur Betroffenen befindet, versteht man das Verhalten, weil man die Ursachen für dieses Verhalten kennt, werden einem (plötzlich) vielleicht auch viele kleine Situationen bewusst, in denen man nicht nachvollziehen konnte, warum sich diese Person jetzt verletzt, z. Bsp. wenn sie besonders schöne Momente erlebt hat. Weiß man dies aber, kann man entsprechend damit umgehen, wobei dies nicht heißt, man muss nun sämtliche Situationen, von denen man weiß, dass sie SVV auslösen werden, meiden – man muss sich nur entsprechend damit auseinandersetzen.

Wenn man bemerkt, dass sich jemand selbst verletzt oder auch, wenn man die Vermutung hat, sollte man die Person darauf ansprechen. Die Befürchtung der ausgelösten Verlegenheit liegt wohl eher auf der eigenen Seite. Die meisten Betroffenen fühlen sich dadurch erleichtert, denn wenn man es schon bemerkt, dann gab es auch ein Signal und auch, wenn dieses widersprüchlich sein mag, Ansprechen hilft und erleichtert die Betroffenen meist, weil sie nicht selbst davon anfangen müssen (was sie oft auch nicht können). Dies ist schon eine Form der so ersehnten und notwendigen Aufmerksamkeit und Zuwendung, die Betroffene brauchen. Hier muss man nur wieder aufpassen, die richtige Balance zu finden: also nicht nur bei Selbstverletzung = Aufmerksamkeit & Zuwendung – dann werden die Selbstverletzungen evtl. noch zunehmen. Das umgekehrte (also das Ignorieren) wird aber zum selben führen. Das heißt also den Betroffenen auch sonst Aufmerksamkeit, Fürsorge, Liebe zukommen lassen und in Situationen von SVV nachfragen und hier auch ruhig genauer: also zum Beispiel: Wie hat sie sich vor der Selbstverletzung gefühlt? Warum musste sie sich schneiden (was sollte weggeschnitten werden)? Wie fühlte sie sich hinterher?...

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der der direkten praktischen Hilfe, also der Versorgung der Wunden. Man muss abschätzen, ob es ausreicht die Wunde selbst zu versorgen (hier kann man auch den Part des Versorgens übernehmen, sollte aber immer auf seine eigenen Grenzen achten und vor allem auch abschätzen, was das für evtl. Folgen nach sich zieht) oder ob die Betroffene ärztliche Hilfe benötigt. Wichtig ist nur, dass man, wenn es einem selbst schwer fällt, die Wunde zu versorgen, betont, dass dies nichts mit der Person zu tun hat – die Verletzung löst vielleicht Abscheu oder Angst aus, aber nicht die Person (Mir geht dies auch so, ich kann mir schwere Verletzungen (am besten noch mit viel Blut) nicht anschauen, weil mir dann einfach mulmig, schwindlig, schlecht wird). Der Aspekt der Grenzsetzung ist also ein ganz wichtiger Punkt bei der Hilfe. Es nützt zum Beispiel nichts, der Betroffenen eine bedingungslose Unterstützung zuzusagen, wenn man dazu gar nicht in der Lage ist, also damit überfordert wäre – ob nun aus rein lebenspraktischen Gründen (z. Bsp. Zeitfaktor) und / oder auch aus psychischen Gründen. Damit geht es weder der Betroffenen noch ihnen gut. Dann lieber eingeschränkte, aber genaue Absprachen treffen und diese auch einhalten.

Was man lassen sollte

Versuchen sie, soweit es möglich ist, ihre Reaktionen unter Kontrolle zu halten, d.h. die ausgelösten Gefühle reflektieren und auf Eigenanteile überprüfen. Das ist sicher nicht immer einfach (z. Bsp. wenn jemand mit bis auf die Venen aufgeschnittenen Armen vor ihnen steht oder vielleicht auch, wenn die Betroffene sich kategorisch der Hilfe verweigert oder sich trotz Hilfe immer wieder selbst verletzt...) und in manchen Situationen wahrscheinlich auch nicht möglich.

Wut, Ablehnung, Unverständnis, Zurückweisung aber auch verstärkte Kontrolle, der Versuch, die Selbstverletzung durch das Vernichten der dazu notwendigen Instrumente zu verhindern, das Stellen von Ultimaten sind Reaktionen und Handlungen, die vermieden werden sollten. Diese lösen oft verstärkte Selbstverletzungen aus, auch weil die Betroffenen diese Reaktionen schon lange kennen und immer wieder machen mussten und die verinnerlichten Muster (Niemand mag mich mehr, wenn er von meiner Selbstverletzung erfährt. Bin ich pervers? Es kann mir sowieso niemand helfen. Ich bin ganz allein auf mich angewiesen) dadurch ‚bestätigt’ (wenn auch nicht wirklich so gemeint, aber bei der Betroffenen so empfunden) werden.